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Landleben

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Veröffentlicht März 2026

“Ich versuche so zu produzieren, wie man es vor Jahrhunderten gemacht hat”- Im Interview mit Winzer Guido Seyerle

Winzer und Sommelier Guido Seyerle produziert Bioweine in Baden und Brandenburg. Ganz nach dem Motto: “Natur Pur” stellt er seine Weine nach ursprünglichen Methoden ohne Kupfer und Schwefel her und verzichtet auf den Einsatz von Spritzmitteln. Was seine Weine so besonders macht und wieso ein guter Wein nicht immer teuer sein muss, erfährst du im Interview.

 

Wie bist du Winzer geworden?

Ich komme aus einer „Bio-Familie“. Als mein Vater starb, war ich 15. Als ältester Sohn habe ich das Familienunternehmen übernommen und bin so in die Rolle des Winzers hineingewachsen. Damals in den 1980 Jahren gab es noch kein Internet und kaum Fachbücher. So habe ich Sachen probiert und dabei Erfolge, aber auch viele Misserfolge gehabt. Learning by doing sozusagen.

Was bereitet dir die meiste Freude bei der Arbeit mit Wein?

Am meisten Spaß macht mir die Arbeit mit der Pflanze und immer an der frischen Luft sein zu können. Seit Jahrzehnten arbeite ich in der Natur und erlebe hier immer wieder schöne Erlebnisse mit Pflanzen und Tieren. Auch die Sonnenunter- und Aufgänge über den Weinbergen sind wunderschön anzusehen.

Wie gewährleistest du eine nachhaltige und umweltschonende Anbauweise und was ist der Unterschied zur konventionellen Herstellung?

Ich versuche möglichst ursprünglich zu arbeiten. Jegliche Konservierung, sei es die Erhitzung beim Saft oder Schwefelung beim Wein, überdeckt Aroma. Meine Weine sind zum Teil ungefiltert und ungeschwefelt, um möglichst viel Aroma mitzunehmen. Normales Bio ist mir zu wenig, deswegen verzichte ich neben Schwefel auch noch auf Kupfer, was man eigentlich für die Pilzbekämpfung braucht. Als Alternative arbeite ich hier mit Aloe Vera, Schachtelhalm und Brennessel und stelle meinen eigenen Humus Tee her. 

Meine Kollegen, die nach konventionellen Methoden arbeiten, haben jetzt eine Wartezeit gehabt. Das heißt, sie haben jetzt chemisch gespritzt und mussten dann 35 Tage warten, bis sie die Rebe gelesen haben. Ich hingegen habe die Rebe reingeholt, als ich dachte, dass das der richtige Moment für die Ernte ist. 

Auch bei der Schädlingsbekämpfung setzte ich auf eher unkonventionelle Methoden: Wespen beißen oft die Haut der Trauben auf, sodass dann andere Insekten dort eindringen. Ich habe den Vorteil, dass ich viele Hornissen bei mir auf dem Weinberg habe, welche die Wespen jagen und fressen. 

Wie viele und was für Traubensorten baust du an?

Neben Wein verkaufe ich auch Trauben und Säfte. Insgesamt baue ich 12 verschiedene Sorten Esstrauben und 5 Weinarten an. Esstrauben sind für die Weinzubereitung nicht geeignet, da sie zu wenig Säure enthalten. Ich habe sogenannte Piwis, das sind Pilze widerstandsfähige Weine wie z.B. Solaris und Phönix. Darüber hinaus baue ich aber auch Chardonnay (Weißwein) und Regent und Spätburgunder an. Neben Wein und Traubensäften produziere ich auch Secco, dabei versetzte ich den normalen Wein mit Kohlensäure.


Was beeinflusst den Geschmack neben der Rebsorten?

Da gibt es viele wichtige Faktoren, aber besonders wird das Aroma durch die Arbeit an der Laubwand beeinflusst. Nach der Blüte zupfe ich einen Teil der Blätter ab, sodass die Sonne gleichmäßig auf die frisch abgeblühte Rebe trifft. Dadurch bauen die Reben eine gewisse Art von Sonnenresistenz auf. Im August öffne ich dann die Laubwand, um mehr Aroma zu erhalten. Je mehr du die Laubwand aufmachst, desto süßer wird der Wein. Indem ich mir die Satellitenbilder von der Nasa anschaue, kann ich das Wetter vorhersagen und so besser planen. Der Geschmack meiner Weine ist jedes Jahr anders. Das kühle letzte Jahr hat dafür gesorgt, dass der Wein mehr Säure enthält. Wohingegen die Wärme in diesem Jahr die Säure zurückgedrängt und durch einen stärkeren Zuckergehalt ersetzt hat. 

Macht sich der Klimawandel beim Weinanbau bemerkbar?

Ja, auf jeden Fall. Der Klimawandel lässt sich besonders am Anbau mediterraner Sorten erkennen. So werden in den südlichen deutschen Räumen immer mehr italienische und französische Arten gepflanzt. Neben meiner Tätigkeit als Winzer bin ich auch in der Jury vom internationalen Bioweinpreis vertreten. Interessant zu beobachten ist, dass die Gewinner inzwischen nicht mehr deutsche, sondern polnische, dänische oder südschwedische Wein sind. Für Weißweine wird es im Süden zu heiß. Vor allem der Riesling bekommt bei solchen Temperaturen wie diesen Sommer Sonnenbrand, welcher sich durch eine Bitternote im Wein bemerkbar macht. Generell denke ich aber, wenn du deine Pflanzen so stärkst, dass sie mit den Einflüssen des Klimawandels zurechtkommen, dann kann man weiterhin erfolgreich sein.

 

“Man muss die Pflanze so stärken, dass sie mit den Einflüssen des Klimawandels zurechtkommt.


Welche Herausforderungen gibt es beim Anbau von Weinreben und der Weinproduktion?

Ich finde kaum noch Kräfte, die per Hand im Weinberg oder auch mal am Wochenende arbeiten möchten. Aber in der Landwirtschaft geht es einfach nicht anders, denn die Traubenproduktion ist rund um die Uhr. Die wohl größte Herausforderung ist aber die Trockenheit. Dieses Jahr gab es viele schreckliche Bilder von Weinbergen, die total gelb und ausgetrocknet waren. Aber auch die Vorstellungen der Kunden haben sich verändert. Viele möchten ihren Wein so billig wie möglich. Der deutsche Durchschnittspreis für eine Flasche Wein liegt bei gerade mal 3€. Für diesen Preis kann ich schlichtweg keinen guten Wein produzieren.

 

Welche Faktoren spielen bei der Preisbildung für eine Flasche Wein eine Rolle? 

Für den Produktpreis spielen die Traubenproduktion im Weinberg, die Lese, das Pressen und die Lagerung im Keller eine entscheidende Rolle. Meine guten Weine fangen bei 10€ an und gehen dann hoch bis 47€. Was man vielleicht gar nicht denkt, aber der teuerste Wein bringt den schlechtesten Gewinn, da dort so viel mehr Arbeit drin steckt.

Was genau macht deine Weine aus?

Ich versuche so zu produzieren, wie man es vor Jahrhunderten gemacht hat. Diese ursprüngliche Art zu arbeiten wirkt sich auch auf das Aroma meiner Weine aus. Deshalb presse ich noch mit einer 40 Jahre alten Presse, da dadurch viele Aromen erhalten bleiben. Ein weiterer Vorteil meiner Weine, bei Festen kannst du so viel trinken wie du willst, ohne dass du Kopfschmerzen bekommst.

 

Was ist dein persönlicher Lieblingswein vom eigenen Weingut?

Das ist schwer zu sagen. Meine Lieblingsweine sind generell trocken. Ich trinke sehr gerne Blanc de noir, übersetzt “Weiß von Schwarz”, das bedeutet Rotwein weiß gekeltert. Dabei handelt es sich um besonders helle Weine, die unglaublich viel Frucht und wenig Zucker enthalten. Man schmeckt ein herrliches Fruchtaroma nach Weinbergpfirsich und Nektarine. 

Woran erkennt man gute Weine und muss ein guter Wein immer teuer sein?

Nein, das muss er nicht. Ab 7-8€ bekommt man schon gute bis sehr gute Weine. Am besten achtet man darauf, dass der Wein handverlesen ist, das erlaubt eine feinere Auswahl der Beeren. Bei der günstigeren Maschinenlese gelangen neben unreifen und faulen Beeren oft auch Insekten und andere Tierchen in den Wein. Billiger Wein für 3€ kann nur so erzeugt werden. Von Labels halte ich nicht besonders viel, das ist in meinen Augen viel Show. 

Mein Tipp: Um einen guten Wein zu erkennen, musst du die Weinflasche halb leer trinken und dann offen stehen lassen. Wenn er am nächsten Tag genauso gut schmeckt oder sogar noch besser, ist es ein guter Wein.

 

Warum hast du dich für die Direktvermarktung über die Marktschwärmer entschieden?

Ich glaube, dass die Kunden bei Marktschwärmer noch Vertrauen in die Landwirtschaft haben und für sie Regionalität und ökologischer Anbau eine wichtige Rolle spielen. Wohingegen die Agrarindustrie nur auf Wachstum und immer höhere Produktionsmengen aus ist. Der konventionelle Handel würde uns zwingen, dass der Wein jedes Jahr gleich schmecken muss. Das wäre in meiner Art der Produktion unmöglich.

Wie lagert man Wein am besten Zuhause?

Am besten ist es, die Flaschen kühl und liegend bei ca. 8-10 grad zu lagern. Gute Weißweine halten locker 15 Jahre und Rotweine sogar noch länger.

 

Wir bedanken uns bei Guido Seyerle für das interessante Gespräch und den Einblick in seinen Betrieb.

Geschrieben von foodassemblyde

foodassemblyde

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Der „verrückte Deutsche“ 40 Jahre später

Wenn man Friedrich heute über seine Finca in der Nähe von Gibraleón begleitet, hört man vor allem eines: ein lautstarkes Konzert aus Vogelgezwitscher. Doch hinter dieser Idylle steckt eine vor langer zeit getroffene radikale Entscheidung gegen die Konvention. Heute ist er seit 1994 Demeter-zertifiziert und beweist, dass seine „Verrücktheit“ die einzige logische Antwort auf die Krise unserer Böden ist.Vor 40 Jahren verliebte sich Friedrich bei einem Besuch in Spanien in die Finca Jelanisol-Montebello. Zu dieser Zeit arbeitete er selbst als Zwischhändler für konventionell hergestelltes Obst und Gemüse. Zwei Dinge sind damals passiert, die ihn haben reflektieren lassen: Eine Freundin schenkte ihm von Bill Mollison ein Buch über Permakultur, das ihn inspirierte. Er war zu Besuch auf dem Feld in Italien und suchte im Boden verzweifelt nach Regenwürmern. Als der Landwirt ihm bestätigte, dass es keine gäbe, „weil man so etwas nicht bräuchte“, began Friedrich zu reflektieren. Eine holistische Vision: Alles ist verbundenFür Friedrich ist die Landwirtschaft kein isolierter Prozess, sondern ein Teil eines großen Ganzen. Er pflegt eine sehr holistische und philosophische Sicht auf die Welt, in der alles – vom Bodenmikrobiom bis zum Konsumenten – miteinander verbunden ist. Seine Finca ist für ihn kein reiner Produktionsort, sondern ein lebendiger Organismus, in dem Mensch und Natur in Harmonie koexistieren. Für ihn kann eine friedliche Gesellschaft kann nur entstehen, wenn wir im Einklang mit der Natur produzieren. Wenn wir es richtig machen, ist genug für alle da – wir dürfen nur nicht die Grundlagen zerstören.Einer der stärksten Antriebe für Friedrichs Arbeit ist eine tiefe Besorgnis über den Zustand unserer modernen Ernährung. Er erzählt, dass viele Lebensmittel, die wir heute konsumieren, „leer“ sind. Damit meint er Produkte aus konventioneller Landwirtschaft, die aufgrund von Pesitziden und langer Lagerung, keinerlei nennenswerten Nährwert mehr besitzen. Er folgt dem Prinzip „Gesunder Boden = Gesunder Mensch“. Nur ein lebendiger, regenerierter Boden kann Früchte hervorbringen, die den Körper wirklich nähren.Eine der ersten Dinge, die Friedrich tat, war einen großen Teich anzulegen – nicht zur Bewässerung der Finca, sondern einzig und allein für die Vögel, Frösche, Enten und Fische. Bei stärkeren Regenfällen, fließt so das Wasser ab. Den organischen Dünger stellen sie über Mikroorganismen selber her und versorgen die Bäume über Tröpfchenbewässerung kontinuierlich mit Mineralien. 

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Die Wissenschaft hinter der Süße

Wir haben Antonio von Sicilian Passion in Sizilien besucht. In einer Region, die traditionell für ihre Zitrusfrüchte bekannt ist, hat sich Antonio vor mehreren Jahren für einen anderen Weg entschieden: Er baut Maracujas (und sogar Papayas!) an.Ein wesentlicher Teil unserer Zusammenarbeit besteht in der präzisen Bestimmung des Erntezeitpunkts. Unsere Teams führen direkt im Feld Messungen des Zuckergehalts durch. Mithilfe eines Refraktometers wird der Brix-Wert ermittelt, um sicherzustellen, dass die Früchte die erforderliche physiologische Reife und das volle aromatische Profil erreicht haben. Erst bei Erreichen dieser Grenzwerte wird die Ernte begonnnen. In dem Video unten seht ihr, wie unser Kollege Angelo, diese Messungen vornimmt. Es macht großen Spaß, denn man schaut buchstäblich in die Zukunft.Reifemerkmale und EtymologieEin wichtiges Qualitätsmerkmal der Maracuja ist die Beschaffenheit der Schale. Anders als bei vielen Obstsorten gilt hier: Je ausgeprägter die Faltenbildung der Frucht, desto höher ist der Zuckergehalt. Durch die leichte Verdunstung während des Reifeprozesses konzentriert sich der Fruchtzucker im Inneren, während die Säure dezent abnimmt. Es gibt zwei Ernten pro Jahr – eine in den Wintermonate und eine in den Sommermonaten. Vor allem im Sommer, sind die Früchte „runzliger“, da die Flüssigkeit durch die Wärme schneller verdunstet.Wusstet ihr, dass der Name „Passionsfrucht“ sich von der christlichen Ikonografie ableitet. Spanische Missionare im 16. Jahrhundert interpretierten die komplexe Blütenstruktur als Symbole der Leidensgeschichte (Passion) Christi. Die Filamente der Blüte wurden mit der Dornenkrone assoziiert, die drei Narben mit den Nägeln des Kreuzes und die fünf Staubblätter mit den Wundmalen. In der Galerie findet ihr ein Bild, auf dem das sehr gut zu sehen ist.

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Blutrot und extrem lecker

Warum nicht jede Blutorange blutrot istWir waren in Sizilien und haben Danilo von AranceBio auf einem Feld getroffen, wo die Blutorangenernte ihren Höhepunkt erreicht. Man sieht die Orangen nicht nur reif an den Bäumen hängen, sondern man kann sie auch riechen. Der Himmel ist blau, die Bäume und die Wiese grün und die Orange hängen wie kleine Laternen in den Bäumen. Es ist sonnig, aber sehr frisch – auch in Sizilien ist Winter.Genau der richtige Zeitpunkt, damit die Blutorangen reifen. Nur durch das Zusammenspiel von warmen Tagen und kalten Nächten kann Anthocyan gebildet werden, der Farbstoff, der das Fruchtfleisch rot färbt. Sind die Nächte also zu warm, kann sich das Pigment nicht bilden und deine Blutorange ist vielleicht eher orange, als blutrot – aber natürlich genauso lecker.Danilo baut zwei unterschiedliche Sorten an; Moro: die etwas säuerlicher und ein tiefrotes Fleisch hat (wenn es kalt genug ist!) und Tarocco, die etwas süßer und ganz mild ist. Es ist ein bisschen wie Kindheit – wenn man ein Überraschungs-Ei öffnet. Man kann von außen nicht wissen, ob die Frucht rot oder eher orange ist.Angesichts zunehmender Trockenperioden setzt Danilo auf eine permanente Bodenbedeckung. Dieser natürliche Teppich schützt den Boden und dient als Wasserspeicher, der in Trockenzeiten wertvolles Wasser speichert – so bleibt die Natur widerstandsfähig.Wir haben natürlich auch gefragt, was wir essen sollen, wenn wir auf Sizilien sind und Danilo hat uns zwei Gerichte empfohlen: die traditionelle Pasta con le Sarde (wie soll es auch anders sein?!) und die frittierten Reiskugeln, Arancini genannt.

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