
Veröffentlicht Februar 2026
Von der Kuh zum Käse
Ich besuche Linda Becker von Bauer Freigeist in der Altmark, einem kleinen Ort namens Wiepke.
Vor einigen Monaten hatte ich Linda zu einem Online Treffen eingeladen, bei dem sie der 1% für den Boden Community direkt aus dem Kuhstall ihre Geschichte erzählte. Vielleicht liegt es daran, dass ich selbst aus Thüringen komme, dass mir Erzählungen aus der DDR-Zeit immer besonders nah gehen. Lindas Familie wurde in der DDR enteignet, womit der Hof an den Staat überging. Nach dem Mauerfall konnte die Familie den Hof zurückkaufen und erwarb noch einige Teile der damaligen LPG.
In meinem Wohnort gibt es ebenfalls eine Produktionsgenossenschaft, weswegen mich die eher “nüchternen” Ställe nicht abschrecken. Ich bewundere Linda und ihre Familie, denn während junge Leute abwandern und vor allem Bio-Landwirtschaft in Ost-Deutschland nicht überall zu finden ist, hat sich ihre Familie entschieden, den Betrieb wieder aufzubauen und Arbeitsplätze zu schaffen. Es geht also lange nicht mehr nur um Landwirtschaft, sondern um die Zukunft einer Region. Was vielleicht pathetisch klingt, ist genau das nicht. Wie oft habe ich in meinen Jahren im Kundenservice, mit Kunden darüber gesprochen, dass es doch besser wäre, “beim Bauern um die Ecke zu kaufen”. In meiner Region gibt es aber überhaupt keine Hofläden, geschweige denn Bio-Hofläden. In einem kleinen Ort wie Wiepke einen Selbstbediener-Laden mit Bio-Angebot zu eröffnen, ist eine logische Entscheidung und wird laut Linda und Tillmann auch gut angenommen.
Es braucht immer jemanden, der die Initiative ergreift. Und Linda und Tillmann sind definitiv zwei Menschen, die absolut aktiv an der Gestaltung von Nachhaltigkeit arbeiten – nicht nur auf dem Feld.
Lindas Herde umfasst ca. 300 Tiere und da es regnet, stehen die meisten Tiere im Stall. Linda erzählt, dass es die letzten Wochen so kontinuierlich geregnet hat, dass die Weide immer wieder Regenerationspausen braucht und sie das Grünfutter direkt in den Stall bringt. Durch ein sogenanntes “grünes Futterband” werden die Kühe von Beginn von Frühling bis Spätherbst mit Grünfutter versorgt – zusätzlich zur Weidehaltung; Luzerne und Kleegräser sorgen also nicht nur dafür, dass die Kühe Frischfutter haben, sondern auch, dass Regenwasser im Boden gespeichert wird, da die Gräser mehrere Jahre in der Fruchtfolge stehenbleiben können.

Linda nimmt nicht nur an unserem Programm für regenerative Landwirtschaft teil, sondern ist auch seit einigen Jahren im Demeter-Verband Vorsitzende. Im Zuge der Demeter Zertifizierung, hat sie sich dafür entschieden, ihre Kühe wieder auf Hörner zurückzuzüchten. Für die Kuh bedeuten sie Regulationswerkzeug der Körpertemperatur und Kommunikationsmittel. Für Landwirte bedeuten sie Probleme, da sich die Kühe gegenseitig verletzen können. Nun dauert es einige Generationen, bis die Hörner wieder vollständig nachgewachsen sind.
Ich verstehe, dass es viel darum geht, zu reflektieren – was hat gut funktioniert, was kann verbessert werden, wie können Arbeitsvorgänge optimiert werden. Linda erzählt, dass es in ihrem Familienbetrieb auch immer zu Reibungen kommen kann und dass immer auch viel über Neuerungen debattiert wird. So bedurfte es “einiger Überzeugungsarbeit”, ihre Familie von der Anschaffung eines vollautomatischen Melkroboters zu überzeugen. “Das hört sich sehr technisch an, aber eigentlich ist es viel wichtiger, dass wir verstehen, dass das genau das ist, was die Kuh in der Natur auch machen würde. Sie würde sich alleine entscheiden, etwas zu fressen, stillzustehen und dann würde das Kalb die Möglichkeit haben, sich Milch abzuholen.”, erklärt mir Linda. Die Kühe scheinen es zu mögen – während uns Linda ihr Team vorstellt und uns die enorme Arbeitserleichterung durch “Robi” erläutert, läuft dieselbe Kuh dreimal durch. Warum? Während gemolken wird, wird Futter in einen Trog gegeben. Merkt der Roboter, dass die Kuh bereits gemolken wurde und nur wegen des Futters wiederkommt, geht der Deckel zu. Natur und Technik – es ist spannend zu sehen, wie sie sich ineinander verzahnen.
Es sind auch immer Investitionen, die sich rentieren müssen, erklärt Linda – aber “Robi” möchte sie definitiv nicht mehr missen.

Während Linda mich durch die Ställe führt, mir von ihrer Familie erzählt, denke immer wieder über den enormen Aufwand nach – ein völlig subjektiver Gedanke, da das alles hier Lindas tägliche Arbeit ist. Ich bin seit 8 Jahren bei CrowdFarming, komme selber von einem Hof und dennoch überwältigt es mich immer wieder, was alles dazugehört, ein Lebensmittel herzustellen und wie demütig wir eigentlich alle vor unseren vollen Tellern sitzen müssten.
Umso mehr freue mich, als wir nach Gardelegen in die Käserei fahren – eine Großküche, die Linda aus dem Leerstand gerettet hat.
Es ist sehr schwül und riecht nach warmer Milch, fast schon ein bisschen sauer. Hier wird heute Halloumi hergestellt – ein Grillkäse, der in 90° Grad heißer Molke gekocht wird und anschließend noch in Salzlake reifen muss. Zum anschließenden Mittagessen durften wir uns gleich von der hervorragenden Qualität selbst überzeugen. Meine Kollegin Amanda darf beim Drehen und Einstreichen der Käselaiber helfen – das macht vor allem Spaß, ist aber auch ein fast meditativer Vorgang, der täglich wiederholt werden muss.

Die letzte Station meines Besuchs ist die “Schatzkammer”, wie Linda die Reifekammer selbst nennt. Als ich sie frage, wonach sie entscheidet, welchen Käse sie herstellt, sagt Linda ganz simpel: “Worauf ich Lust habe.” Auf CrowdFarming übersetzt heißt das 6 Kisten mit jeweils mehreren verschiedenen Sorten – es ist wortwörtlich für jeden Geschmack etwas dabei. Lindas Kreativität sind keine Grenzen gesetzt und so entstand auch die Idee für einen geräucherten Käse. Auf “Rauchi” sind Linda und ihr Kollege Ika besonders stolz – er ist nicht nur wunderschön mit seiner rostroten Schale anzusehen, sondern er wurde auch dieses Jahr mit dem Kulinarischen Stern ausgezeichnet. Das ist ein Käse, der drei Tage lang in drei Räuchergängen geräuchert wird.

Mein Besuch neigt sich dem Ende. Was ich von Linda mitnehme: Landwirtschaft ist weit mehr als das Produzieren von Lebensmitteln. Es geht um Gemeinschaft, um regionale Zukunft und um den Mut, neue Wege zu gehen. Ihre Arbeit erinnert mich daran, dass nachhaltige Ernährungssysteme nicht irgendwo entstehen – sie beginnen hier, auf Höfen wie diesem.
Hier findest du eine Aufzeichnung unseres Live Streams – direkt vom Feld und mit einem unerwarteten Überraschungsgast.
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Geschrieben von CrowdFarming
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