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Ist unsere Ernährungssicherheit durch die Reduzierung von Pestiziden gefährdet?

Wie so oft in Krisenzeiten besteht derzeit die Gefahr, dass wir Rückschritte machen, statt vorwärts zu gehen. Ein Beispiel dafür ist die aktuelle Diskussion über den Einsatz von Pestiziden in der EU. Im Rahmen der Initiative “Farm to Fork” will die EU eine Verordnung einführen, die den Einsatz chemischer Pestizide bis 2030 um 50 % einschränken soll, stößt dabei aber auf heftigen Widerstand seitens mehrerer Mitgliedstaaten und natürlich der Lobby der agrochemischen Industrie. 

Worum geht es bei dem Vorschlag für eine Pestizidverordnung?

Der Grund für die Aufregung bestimmter Lobbys ist eine neue Verordnung über die nachhaltige Verwendung von Pflanzenschutzmitteln. Im Einklang mit den Strategien “Vom Erzeuger zum Verbraucher” und “Biologische Vielfalt” enthält diese neue Verordnung den Vorschlag, den EU-weiten Einsatz synthetischer Pestizide um die Hälfte zu reduzieren und umweltfreundlichen Schädlingsbekämpfungsmethoden den Vorrang zu geben. Die Landwirte sollen ermutigt werden, nicht-chemische Methoden des Pflanzenschutzes einzusetzen. Man hofft, dass diese Maßnahme dazu beiträgt, die Umwelt und unsere Bestäuber – die zu den wichtigsten Akteuren bei der Gewährleistung der Ernährungssicherheit gehören – vor den schädlichen Auswirkungen industrieller Formen der Landwirtschaft zu schützen. Einer der Hauptgründe für die Einführung einer solchen Verordnung ist der Kampf gegen den allgemeinen Rückgang der biologischen Vielfalt, der sich schneller vollzieht als je zuvor in der Geschichte. Viele Wissenschaftler haben darauf hingewiesen, dass die veränderte Landnutzung – in erster Linie die großflächige Nahrungsmittelproduktion – die Hauptursache für den weltweiten Verlust der biologischen Vielfalt ist und bis zu 30 % des Rückgangs verursacht.


Eine fortgesetzte Schädigung der Umwelt und der Verlust der biologischen Vielfalt werden unweigerlich dazu führen, dass auf unseren Feldern keine Nahrungsmittel mehr angebaut werden können, sondern auch die menschliche Gesundheit gefährdet wird. Darüber hinaus stellte die Kommission fest, dass die Einführung von Maßnahmen wie der Pestizidverordnung und die damit einhergehende Verringerung unseres ökologischen Fußabdrucks auch dazu beitragen würde, “die wirtschaftlichen Verluste, die wir bereits aufgrund des Klimawandels und des Verlusts der biologischen Vielfalt erleiden, zu mildern”.

Für die Gesellschaft als Ganzes scheint die Verordnung also sogar aus rein wirtschaftlichen Gründen sinnvoll zu sein.

Die Frage der Ernährungssicherheit

Der Krieg Russlands gegen die Ukraine wirkt sich unter anderem auf die Preise für Energie, Kunstdünger und Getreide aus, was wiederum Auswirkungen auf die Agrar- und Ernährungswirtschaft hat. Aus diesem Grund wird die von der EU vorgeschlagene Verordnung zur Verringerung des Pestizideinsatzes von einigen Seiten heftig kritisiert, da die Kombination dieser Faktoren unsere Ernährungssicherheit bedroht.

Eine der lautesten Stimmen, die sich für den weiteren Einsatz synthetischer Agrochemikalien einsetzen, ist Copa-Cogeca, die selbsternannte Lobbygruppe der EU-Landwirte. Es überrascht nicht, dass sie nicht unbedingt die Familienbetriebe vertritt, sondern vielmehr die multinationalen Agrarunternehmen und die wenigen Großbauern, die vom derzeitigen System profitieren, das unbestreitbar auf der (Über-)Ausbeutung unserer Böden und der Menschen, die sie bearbeiten, beruht. Ironischerweise ist der Schutz unserer Böden und die Sicherstellung ihrer Fruchtbarkeit genau die Maßnahme, die langfristig die Ernährungssicherheit gewährleistet.

Das Hauptproblem bei der Reduzierung von Pestiziden ist, dass dies auch eine Verringerung der Nahrungsmittelproduktion pro Hektar bedeuten kann. Das liegt daran, dass die Pflanzen anfälliger für Schädlinge sein könnten und ohne den Einsatz von Kunstdünger tendenziell weniger produzieren, zumindest in der Übergangsphase zum ökologischen Landbau.

Dazu sagen wir: Wenn wir so sehr von Problemen der Ernährungssicherheit geplagt sind, warum versuchen wir dann nicht, die Lebensmittelversorgungskette effizienter zu gestalten? Warum konzentrieren wir uns nicht darauf, die enormen Mengen an Lebensmittelabfällen zu reduzieren, die unser System jedes Jahr verursacht? Ein Drittel aller von uns produzierten Lebensmittel wird verschwendet. Ein Drittel!


Die Menge an Arbeit und Ressourcen – von Wasser bis Energie -, die mit dem Verlust und der Verschwendung von Lebensmitteln verbunden ist, ist der eigentliche Skandal in der Lebensmittelproduktion.  Wir werfen Tonnen von Lebensmitteln weg, während Menschen in anderen Teilen der Welt buchstäblich verhungern. Und dennoch debattieren wir darüber, ob wir unsere Böden weiter schädigen und unsere biologische Vielfalt ausbeuten sollten, um die Überproduktion aufrechtzuerhalten. Wenn wir uns stattdessen auf die langfristige Ernährungssicherheit konzentrieren würden, würden wir auf eine widerstandsfähigere Landwirtschaft hinarbeiten, um die nachteiligen Auswirkungen des Klimawandels auf unsere Böden abzumildern.

Anstatt sich darüber Gedanken zu machen, wie viele Lebensmittel wir in diesem Jahr mit dem Einsatz von Pestiziden produzieren können, sollten wir lieber untersuchen, wie viele Lebensmittel wir davor bewahren können, im Müll zu landen.

Die Preisfrage

Das andere große Thema, das aufgeworfen wird, ist der Preisanstieg. Wie bereits erwähnt, produzieren wir zu viel, weshalb eine Senkung der Produktion nicht sonderlich besorgniserregend erscheint. Der Preisanstieg hingegen könnte uns viel härter treffen, vor allem, weil er den Zugang zu frischen Produkten für Haushalte mit niedrigem Einkommen direkt beeinträchtigen könnte. Wenn wir jedoch nur kurzfristig denken, lassen wir künftige Generationen im Stich. Wenn immer mehr Böden erodieren und unfruchtbar werden, werden wir in Zukunft noch weniger Nahrungsmittel produzieren, was zu einer viel größeren Nahrungsmittelkrise führen würde.

Die Inflation und die steigenden Preise wirken sich auch auf die Preise für Pestizide und andere agrochemische Produkte aus – und diese steigenden Pestizidpreise würden auch steigende Lebensmittelpreise bedeuten, denn je mehr Pestizide eingesetzt werden, desto mehr muss der Landwirt dafür bezahlen. Die EU-Verordnung könnte die Landwirte dazu motivieren, ganz auf synthetische Pestizide zu verzichten, und ihnen den Mut geben, auf ökologischen Landbau umzustellen. Dadurch könnten sie bessere Preise für ihre Produkte erzielen.

Und schließlich müssen wir uns aus philosophischer Sicht fragen, ob der Preis für unsere Lebensmittel wirklich auf Kosten unserer Umwelt (und unserer Landwirte) gehen sollte. Schließlich brauchen wir einen gesunden Planeten. Anstatt nach schnellen Lösungen in Form von mehr Pestiziden zu suchen, sollten wir uns vielleicht fragen, warum die Einkommen einiger Menschen so niedrig sind, dass sie es sich nicht leisten können, den Landwirten einen fairen Preis zu zahlen.


PS: Zur Rolle von Massentierhaltung, die bei der Frage nach Ernährungssicherheit zurecht oft aufkommt, äußern wir uns in einem zukünftigen Artikel!

Emmeline ist Kommunikationsexpertin, eine Berufung, die sie seit mehr als 8 Jahren in der Agrar- und Ernährungsbranche sowie im Bereich der erneuerbaren Energien verfolgt. Die frischgebackene Podcasterin ist Hobbyköchin, Klimawandel-Existenz-Verfechterin und liebt gute Diskussionen fast so sehr wie sie Hunde liebt.

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